Archiv für den Monat: April 2014

Rede für die Landesliste

DIE LINKE. Sachsen hat mich auf Platz 34 ihrer Liste für den Landtag gesetzt. Dafür Danke! Mit diesen Worten habe ich mich beworben:

Liebe Genossinnen und Genossen,
mein Name ist Werner Kujat, ich bin einer der jungen Kandidierenden der Linksjugend.
Mit einem Thema, das mich seit einigen Jahren sehr bewegt und beschäftigt, möchte ich mich heute bei euch zur Wahl stellen. Viel wurde dazu gesprochen, doch meiner Meinung nach nicht genug. Es geht um das große Thema Inklusion. Es gibt eine UN-Konvention, in Sachsen ist ein Gesetzesentwurf unterwegs [der leider von CDU/FDP abgeleht wurde], viele Akteurinnen und Akteure sagen viele Dinge.Werner Kujat LVV 2014-klein
Für mich ist Inklusion die Anerkennung des Individuums, des Menschen. Ich persönlich studiere Sonderpädagogik und schaue daher gern auf die Entwicklung, auf Bildungskarrieren.
Wir schauen also erstmal: Es gibt Förderschulen. Nicht nur eine, sondern sehr viele. Die Lernförderschule, die Schule für Erziehungshilfe, es gibt Schulen für körperlich-motorische Beeinträchtigungen, Sinnesbeeinträchtigungen werden gesondert beschult und zumindest Sprachentwicklungsverzögerungen werden integrativ ins Schulnetz eingebunden. Alle diese Schulen machen, trotz der großartigen Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer und Erzieherinnen und Erzieher, eines: Sie separieren. Es werden parallele Orte geschaffen, Menschen werden per Etikett von dem Rest der Gesellschaft ausgeschlossen.
Hoch heraus stehen Schulen für Menschen mit so genannter Geistiger Behinderung. An diesen Schulen kann man nicht mal ein Schulabschluss erwerben. Und glaubt mir, ich hab an solchen Schulen gearbeitet, die Schülerinnen und Schüler dort sind keine „anderen“ Menschen. Sie haben die gleichen Bedürfnisse, Wünsche und Träume. Es gibt die gleichen Beziehungsprobleme in der Pubertät, die Gedanken um die berufliche Zukunft. Mit einem habe ich mich super über Musik unterhalten, andere hatten Anti-Nazi-Bottons und waren deswegen erstmal grundsympatisch.
Ein Genosse, nicht viel älter als ich, der ist Rollstuhlfahrer und hat mir von seiner Schulzeit im ländlichen Raum in Sachsen erzählt. Seine Mittelschule hat einfach einen Fahrstuhl gebaut, geschaut, dass alles für ihn erreichbar ist und er konnte ganz normal am Schulleben teil nehmen.
In Sachsen lag 2012/13 die Integrationsquote bei 2,1 %. Das sind von 311 000 Schülerinnen und Schülern gerade mal 6 600. Was in einer Stadt in ländlicher Region geht, dass geht auch in ganz Sachsen: wir brauchen barrierefreie Schulen. Überhaupt sage ich, weg mit dem gegliederten Schulsystem, eine Schule für alle und bitte auch inklusiv.
Dann hat mein Kumpel eine Ausbildung gemacht und was passiert? Aufgrund seines Assistenzbedarfs wird er nicht ganz normal angestellt. Er arbeitet derzeit in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung, bekommt nicht viel Geld, kann aber nirgendwo anders hin. Liebe Leute, wo leben wir denn? Der hat doch verdammt nochmal das Recht auf einen Zugang zum 1. Arbeitsmarkt. Aber nein, Unternehmen bezahlen ja lieber ihre Ausgleichsabgabe.
Und so geht es sehr vielen von schwerer Behinderung Betroffenen. Wer arbeiten will, soll das bitte auch dürfen. Und zwar zu guten Bedingungen, mit einem guten Lohn und einem fairen Umgang miteinander.
Inklusion bedeutet für mich, dass wir die Bedingungen, die Verhältnisse, ändern müssen. Kitas, Schulen, Berufsschulen, Hochschulen sowie der 1. Arbeitsmarkt müssen allen Menschen gleichermaßen offen stehen. Barrierefrei, individualisiert, nach den Fähigkeiten und Potentialen orientiert. Egal ob für Menschen mit oder ohne Beeinträchtigung. Wir fordern ja nicht Privilegien, sondern die Umsetzung des Menschenrechts. Das Recht auf Selbstbestimmung, Mitbestimmung, das Recht auf ein gutes Leben.
Der dritte Punkt, den ich ansprechen möchte, spielt genau da rein: Die Freizeit.
Wenn ich mal in der Stadt essen bin, oder in einer Kneipe sitze, mir geht ganz oft durch den Kopf, was man denn alles, teilweise sehr leicht, ändern könnte, um den Ort für alle gerecht werden zu lassen. Auch wenn ich mal gerade nicht esse: Ist denn das Theater für alle zugänglich? Kann man als Gehörloser an der subkulturellen Szene teilhaben? Wird denn der ÖPNV und Regional- und Fernverkehr Rollstühlen und Blindenhunden gerecht? Und vor allem: Sind denn die öffentlichen Gebäude barrierefrei gestaltet?
Dinge die mich aufregen. Aber nicht nur aufregen, sondern zum Handeln und zum Austausch anregen.
Was ist denn Barrierefreiheit? Rollstuhlgerecht ist nicht mal die Hälfte! Gebärdensprachdolmetscher gehören dazu, Blindenleitlinien, ihr kennt sie mindestens von Straßenbahnhaltestellen. Dokumente, Internetauftritte, die sollte es umfassend in leichter Sprache geben. Und und und.
Liebe Genossinnen und Genossen,
lasst uns allen Menschen ermöglichen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Nur gemeinsam können wir erfolgreich für ein inklusives, für ein soziales Sachsen streiten. Nur gemeinsam können wir gestalten, denn Inklusion, die geht uns alle an!
Es kann nur gelingen. Danke