Archiv für den Monat: Juli 2014

Integrative Beschulung kann gelingen, reicht aber nicht.

Ich habe in den letzten Jahren so einige Schulen in Sachsen kennen gelernt. Grundschulen, Förderschulen, integrative Schulen und freie Schulen. Als Lehramtsstudent liegt das ja auch nah. Zuletzt durfte ich an einer Grundschule die Integration von Schüler_innen mit dem Förderschwerpunkt Sprache und emotional-soziale Entwicklung beobachten. Ich war in einer 1. Klasse mit 28 Kindern. Kein leichter Job für die hoch engagierte Lehrerin. Was ich hier besonders erwähnen möchte ist der Umgang mit einem Schüler mit kreativem Verhalten – andere würden sagen: Verhaltensauffälligkeiten.

Menschen mit so genannten Verhaltensauffälligkeiten handeln anders als es die Normen unserer Gesellschaft erwarten lassen. Der Umgang mit Angst, Wut, Freude oder Trauer unterliegt oft nicht der vollen Selbstkontrolle. So wird Verhalten gesellschaftlich negativ, also von der Norm abweichend, interpretiert oder nicht verstanden. Ziel der Pädagogik ist, dass Menschen mit emotional-sozialer Entwicklungsstörung kompetenter mit sich selbst und der Umwelt interagieren können. Die kognitiven Fähigkeiten spielen dabei keine Rolle – den Grundschüler habe ich als recht intelligent wahr genommen. Aber weg von den Begriffen.

In ihrem ersten Schuljahr haben die Schüler_innen den fairen Umgang miteinander lernen sollen. Vereinbarte Regeln, ritualisierte Tages- und Wochenabläufe sowie erworbene Selbstständigkeit haben dabei geholfen. Der besagte verhaltenskreative Schüler lernte sich besser zu kontrollieren, durfte, wenn es ihm zu viel wurde, auch aus dem Zimmer und sich seinen Freiraum suchen. Spannend ist, dass die anderen Schüler_innen sich auf ihn eingestellt haben. Sie wissen, mit welchem Verhalten er nur provoziert würde und wie sie mit unangebracht scheinendem Verhalten umgehen können. Dies liegt nicht an den Bedingungen in der doch sehr großen Klasse, sondern an dem spezifischen Engagement der Lehrerin. Das nenne ich dann gelungene Integration in der Schule.

Das kann jedoch nur einen Anfang bedeuten. Wir wollen Inklusion. Nicht nur aber auch in der Schule. Dabei müssen wir alle Menschen als Individuen sehen, mit eigenen Bedürfnissen, Fähigkeiten und Potentialen. Wie bei dem Schüler mit kreativem Verhalten sollen Schüler_innen Kompetenzen erwerben, sich entwickeln – sich aber nicht normgerecht dem Rest der Gesellschaft anpassen. Verändern muss sich nicht der Mensch. Die Bedingungen, die Umstände sind es, die wir verändern müssen. Im konkreten Fall müsste die Klasse deutlich kleiner werden und es sollten zwei Pädagog_innen als Team in jeder Gruppe arbeiten. Damit wäre mehr Zeit für die Schüler_innen gegeben. Zeit und Zuwendung, die sie benötigen und verdienen.

Wir brauchen auch barrierefreie Schulen. Das heißt nicht nur rollstuhlgerecht, sondern die Anwendung von leichter Sprache, Blindenleitlinien und Gebärdensprache. Dass Förderschulen wie Gymnasien damit abgeschafft werden müssen, ist klar. Denn Inklusion geht nur in einer Schule für alle!

 

—Dieser Beitrag wurde für regierungstuerzen.org geschrieben. #regierungstuerzen