Archiv für den Monat: Oktober 2016

Den Erwartungen nicht gerecht. Inklusive Schule in Sachsen

Inklusion. Das hat erstmal nichts mit „all inclusive“-Urlaub zu tun. Sondern mit Menschenrechten. Das Recht auf Teilhabe, Selbstbestimmung, Mitbestimmung. Kurz gefasst: Wir Leben in einer Gesellschaft, die Menschen mit Behinderung separiert, z.B. in Förderschulen. Integration heißt, Menschen mit Behinderung in Regelschulen lernen zu lassen. Mit dem Etikett der Behinderung. Durch die Etikettierung kann man sehr gut Förderung und Nachteilsausgleiche bei Behörden beantragen. Trotzdem gelten Menschen mit Behinderung immernoch als „besonders“, „anders“, „nicht normal“.
Inklusion heißt, dass wir mit dem „Normal“ aufräumen. Was ist denn schon normal? Wir sind alle individuell. In einer inklusiven Gesellschaft wird Behinderung als eine Eigenschaft von vielen betrachtet. Niemand wird ausgeschlossen, es herrscht ein Miteinander statt Nebeneinander. Werkstätte werden überflüssig, Förderschulen wie Gymnasien gehören der Vergangenheit an.

Folgendes Bild: In einer Schule für alle lernen Schüler*innen mit und ohne Behinderung gemeinsam. Im Team-Teaching lehren Förder- und Fachlehrer*in zusammen. Die Unterstützung für Menschen mit Beeinträchtigung ist immer abrufbar und wird nicht nach Etikett zugeteilt. Genau das sind meine Mindestanforderungen für gelungene Inklusion.

Wenn wir Inklusion als Ziel begreifen, ist Sachsen noch nicht mal auf dem Weg. Zu erwarten wäre, Schulen barrierefrei zu gestalten, Lehrkräfte ordentlich zu bezahlen, ihnen eine vernünftige Wochenstundenzahl zu geben und integrative Beschulung rechtlich zu garantieren. Meinen Erwartungen wird die Staatsregierung hier nicht gerecht. Es war Zeit genug. Jedes weitere Schuljahr ohne die gemeinsame Beschulung von Schüler*innen mit und ohne Behinderung ist genau genommen ein Rechtsbruch. Ein kurzer historischer Rückblick soll das erläutern.

1977, Italien: Der südeuropäische Staat beschließt schulische Inklusion. Schulen, Kitas, Behörden und soziale wie medizinische Einrichtungen wurden vernetzt. Heute laufen die inklusiven Schulen. Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung lernen gemeinsam.
2006, Vereinte Nationen: Die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) wird verabschiedet. Es wird beschlossen, dass kein Mensch aufgrund von Behinderung ausgeschlossen werden darf und jeder und jedem die volle gesellschaftliche Teilhabe garantiert werden muss. Die UN-BRK ist von nun an ein gültiges Rechtsdokument und gilt in allen Lebensbereichen: Kita, Schule, Ausbildung, Studium, Arbeit, Freizeit, Kultur.
2009, Deutschland: Die Bundesregierung ratifiziert die UN-BRK. Damit gilt diese auch in Deutschland. Der Bund und die Länder sind verpflichtet, im Sinne der Inklusion Barrierefreiheit und Teilhabe zu gewährleisten.
2016, Sachsen: Nichts. Jedenfalls nichts, was man als Inklusion bezeichnen kann. Ich möchte bei der Schule bleiben: Einzelne Schüler*innen mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf wurden in Regelschule gesteckt – ohne zusätzliche Lehrkräfte. Die zuständigen Fach- und Klassenlehrer*innen haben oft keine sonderpädagogischen Kenntnisse, sie sind überfordert. Dazu sind die Klassen zu groß, Wege zu weit, zu wenig Schulen barrierefrei. Diese fehlgeleitete Praxis wird dann auch noch Inklusion genannt. Es ist nicht mal Integration und wird zur Farce.

Doch wirkliche integrative Beschulung gelingt vereinzelt. Ich habe eine 1. Klasse erlebt, in denen mehrere Kinder mit sonderpädagogischen Förderbedarf beschult wurden und effektiv lernten. Wie schafft man das? Die Lehrerin hat das ganze Schuljahr daran gearbeitet, den Schüler*innen eigenständiges Arbeiten zu lehren. Viele Gruppen- und Einzelarbeitsphasen, selbständig, eigenverantwortlich, mit individueller Unterstützung.
Gelungene Integration als Schritt zur Inklusion macht mir Hoffnung. Auch, wenn es Einzelfälle sind. Aber der Freistaat muss das fördern. Statt dessen enttäuscht er.

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Geschrieben für und erschienen in: drobs – Die Dresdner Straßenzeitung, Ausgabe 9/2016

Alle sprechen vom Lehrkräftemangel. Aber da ist noch mehr.

Das neue Schuljahr begann katastrophal: Lehrer*innen und Referendare sind Mangelware in Sachsen. Der Landesregierung war bekannt, wie viele Schüler*innen in den Klassen sitzen und entsprechend wie viele Lehrkräfte nötig sind, um die in Rente gehenden (oder bereits gegangenen) zu kompensieren. Dabei geht es um nichts anderes als um die Grundlage, lehren und lernen zu können.
Die Meldungen in den Zeitungen, im Fernsehen und nicht zuletzt in sozialen Netzwerken überschlagen sich. Im bundesweiten Vergleich von Gehalt, Stundenzahlen und Klassenteilern ist es kein Wunder, dass es viele gut ausgebildete Lehrer*innen nicht in Sachsen hält. Lehrer*innen beklagen Überlastungen. Dabei geht es in erster Linie gar nicht ums Geld: Der Mehraufwand, der verlangt wird, geht auf die Kraftreserven und auf die Nerven und erzeugt so Stress und letztlich macht er die Leute krank. In Regelschulen werden Schüler*innen mit Beeinträchtigung gesetzt, ohne zusätzliche Fachkräfte. Die CDU nennt das dann „Inklusion“. Die aktuelle Idee, Quereinsteiger*innen vor die Klassen zu stellen, ist kaum besser als jene, mit Russisch Brot Lehrkräfte anzuwerben. Sicherlich wird es unter diesen auch kluge und pädagogisch bewanderte geben. So kann z.B. ein Diplom-Biologe Bio-Lehrer werden – dies habe ich selbst erlebt. Aber in der Regel fehlt den Quereinsteiger*innen die pädagogische Ausbildung.
Ein*e Dozent*in meinte neulich zu mir, ich solle mir gut überlegen, ob ich wirklich in Sachsen bleiben wolle. Völlig absurd, aber der sächsischen Realität geschuldet.

Soweit, so bekannt. Doch dort kann unsere Kritik am Bildungssystem und der Bildungspolitik der sächsischen CDU nicht enden. Schulen sind Lernfabriken, neoliberale Konkurrenz wird erlernt, Schulnoten pressen Menschen in schlichte Bewertungsmuster, Schüler*innen wie Lehrer*innen sind im Lehrplan gefangen. In Sachunterricht in der Grundschule steht immer der Igel drin. Wenn die Kinder jedoch über Krieg und die aktuelle politische Lage sprechen möchten, muss ein Zeitfenster gefunden werden.

Die große Herausforderung für die nächsten Jahre ist die inklusive Schule. Angenommen, r2g würde mit 51% regieren: Was würden wir machen? Einige sagen, was in Italien 1977 ging, geht auch heute in Sachsen – „einfach“ die UN-BRK umsetzen. Punkt. Sollte eh schon seit Jahren laufen. Andere sagen, dass wir zuerst die Integration flächendeckend umsetzen müssen und in den nächsten 6-7 Jahren die Schulen umbauen und qualifizierte Lehrkräfte ausbilden und einsetzen müssen. Zwischen diesen beiden Punkten laufen Fachdiskussionen. Zugegeben, beim Thema Schule fühlen sich fast immer alle als Expert*innen.
Den Weg mal beiseite, entscheidend ist das Ziel. Ich möchte folgendes skizzieren: In einer Schule für alle lernen Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung gemeinsam. Förder- bzw. Sonderpädagog*innen lehren mit den Klassen- und Fachlehrer*innen im Team-Teaching zu zweit vor 20 Schüler*innen. Die Unterstützung für Menschen mit Beeinträchtigung ist immer abrufbar und wird nicht nach Etikett zugeteilt. Rahmenpläne stellen sicher, was Grundlegend vermittelt werden soll (lesen, schreiben, rechnen, was war Auschwitz). Schüler*innen treffen demokratisch mit dem Personal Entscheidungen für die Schule (one woman* – one vote). Zeugnisse und regelmäßige Reflexionen zum Lernfortschritt werden schriftlich vom Team erstellt. Schulsozialarbeiter*innen und Psycholog*innen begleiten die Schüler*innen bei Problemen.
Wenn wir ein solches, noch unvollständiges Bild einer idealen Schule im Kopf haben, kommen wir zum Kern der Sache und somit zum Ausgangspunkt: Wir brauchen mehr Lehrer*innen, das Gehalt muss den Westbundesländern angeglichen werden, die Stunden pro Woche müssen sinken. Team-Teaching und kleinere Klassenteiler fordern a) noch mehr Lehrkräfte und b) eine gute Infrastruktur, vor allem in ländlichen Raum. Ja, die Vorstellungen vom Jugendverband scheinen noch fern, doch wenn wir mit der Einstellungspolitik beginnen, sind wir auf dem richtigen Weg.

Seit über zwei Jahrzehnten geht es bergab in Sachsen. Es wird Zeit, mehr mit SPD und Grünen zu reden und die Gewerkschaften zu ermutigen, den Mund auf zu machen. Der LandesSchülerRat, der z.B. die Forderung nach Abschaffung der Schulnoten nicht mit der linksjugend teilt, scheint in der Öffentlichkeitsarbeit kontra CDU vorbildlich. Von den Jusos hört man bundesweit vermehrt, „keine weitere große Koalition“, „für Rot-Rot-Grün“ (Johanna Uekermann, Juso-Vorsitzende). Das kann uns als LINKE Mut machen.

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Geschrieben für und erschienen in: Der klare Blick, 4. Themenausgabe, August 2016
(Herausgeberin: DIE LINKE. Chemnitz)