Den Erwartungen nicht gerecht. Inklusive Schule in Sachsen

Inklusion. Das hat erstmal nichts mit „all inclusive“-Urlaub zu tun. Sondern mit Menschenrechten. Das Recht auf Teilhabe, Selbstbestimmung, Mitbestimmung. Kurz gefasst: Wir Leben in einer Gesellschaft, die Menschen mit Behinderung separiert, z.B. in Förderschulen. Integration heißt, Menschen mit Behinderung in Regelschulen lernen zu lassen. Mit dem Etikett der Behinderung. Durch die Etikettierung kann man sehr gut Förderung und Nachteilsausgleiche bei Behörden beantragen. Trotzdem gelten Menschen mit Behinderung immernoch als „besonders“, „anders“, „nicht normal“.
Inklusion heißt, dass wir mit dem „Normal“ aufräumen. Was ist denn schon normal? Wir sind alle individuell. In einer inklusiven Gesellschaft wird Behinderung als eine Eigenschaft von vielen betrachtet. Niemand wird ausgeschlossen, es herrscht ein Miteinander statt Nebeneinander. Werkstätte werden überflüssig, Förderschulen wie Gymnasien gehören der Vergangenheit an.

Folgendes Bild: In einer Schule für alle lernen Schüler*innen mit und ohne Behinderung gemeinsam. Im Team-Teaching lehren Förder- und Fachlehrer*in zusammen. Die Unterstützung für Menschen mit Beeinträchtigung ist immer abrufbar und wird nicht nach Etikett zugeteilt. Genau das sind meine Mindestanforderungen für gelungene Inklusion.

Wenn wir Inklusion als Ziel begreifen, ist Sachsen noch nicht mal auf dem Weg. Zu erwarten wäre, Schulen barrierefrei zu gestalten, Lehrkräfte ordentlich zu bezahlen, ihnen eine vernünftige Wochenstundenzahl zu geben und integrative Beschulung rechtlich zu garantieren. Meinen Erwartungen wird die Staatsregierung hier nicht gerecht. Es war Zeit genug. Jedes weitere Schuljahr ohne die gemeinsame Beschulung von Schüler*innen mit und ohne Behinderung ist genau genommen ein Rechtsbruch. Ein kurzer historischer Rückblick soll das erläutern.

1977, Italien: Der südeuropäische Staat beschließt schulische Inklusion. Schulen, Kitas, Behörden und soziale wie medizinische Einrichtungen wurden vernetzt. Heute laufen die inklusiven Schulen. Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung lernen gemeinsam.
2006, Vereinte Nationen: Die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) wird verabschiedet. Es wird beschlossen, dass kein Mensch aufgrund von Behinderung ausgeschlossen werden darf und jeder und jedem die volle gesellschaftliche Teilhabe garantiert werden muss. Die UN-BRK ist von nun an ein gültiges Rechtsdokument und gilt in allen Lebensbereichen: Kita, Schule, Ausbildung, Studium, Arbeit, Freizeit, Kultur.
2009, Deutschland: Die Bundesregierung ratifiziert die UN-BRK. Damit gilt diese auch in Deutschland. Der Bund und die Länder sind verpflichtet, im Sinne der Inklusion Barrierefreiheit und Teilhabe zu gewährleisten.
2016, Sachsen: Nichts. Jedenfalls nichts, was man als Inklusion bezeichnen kann. Ich möchte bei der Schule bleiben: Einzelne Schüler*innen mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf wurden in Regelschule gesteckt – ohne zusätzliche Lehrkräfte. Die zuständigen Fach- und Klassenlehrer*innen haben oft keine sonderpädagogischen Kenntnisse, sie sind überfordert. Dazu sind die Klassen zu groß, Wege zu weit, zu wenig Schulen barrierefrei. Diese fehlgeleitete Praxis wird dann auch noch Inklusion genannt. Es ist nicht mal Integration und wird zur Farce.

Doch wirkliche integrative Beschulung gelingt vereinzelt. Ich habe eine 1. Klasse erlebt, in denen mehrere Kinder mit sonderpädagogischen Förderbedarf beschult wurden und effektiv lernten. Wie schafft man das? Die Lehrerin hat das ganze Schuljahr daran gearbeitet, den Schüler*innen eigenständiges Arbeiten zu lehren. Viele Gruppen- und Einzelarbeitsphasen, selbständig, eigenverantwortlich, mit individueller Unterstützung.
Gelungene Integration als Schritt zur Inklusion macht mir Hoffnung. Auch, wenn es Einzelfälle sind. Aber der Freistaat muss das fördern. Statt dessen enttäuscht er.

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Geschrieben für und erschienen in: drobs – Die Dresdner Straßenzeitung, Ausgabe 9/2016