Archiv für den Monat: November 2017

Redebeitrag zur Petition zur Umbenennung des südwestlichen Teils des Innenstadtrings von „Martin-Luther-Ring“ in „Martin-Sonneborn-Ring“

Ich habe es gewagt, Luther kritisch und tendenziös zu betrachten. Dafür gab es ordentlich von SPD, CDU und AfD auf den Deckel. Ich trage die Schuld, wie ich ertrage die Beschuldigungen.

Zur Petition von Die PARTEI Leipzig habe ich mich enthalten. Hier mein Redebeitrag:

„Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, sehr geehrte BürgermeisterInnen, werte StadträtInnen, liebe Gäste und Interessierte,

bis heute um 9:30 Uhr haben 1370 Personen die Petition unterschrieben. Ich gehöre nicht dazu. Jedoch muss ich dem Vorschlag des Petitionsausschusses widersprechen.

Ich sehe es so: Luther war Antisemit, behindertenfeindlich und seine Reformation wurde mit dem Schwert durchgesetzt. Nicht nur gegen die römisch-katholische Kirche, sondern auch gegen wahre Revolutionäre wie Thomas Müntzer. Luther ließ den Adel als Träger der Reformation Bauern abschlachten und begründete seine Abneigung theologisch. Das darf nicht ausgeklammert werden.

Im Nationalsozialismus wurden seine Hetzschriften gern und oft zitiert. Julius Streicher, der Herausgeber vom „Stürmer“, sagte während des Nürnberger Prozesses: „Wenn Martin Luther heute lebte, dann säße er hier an meiner Stelle…“

Nun könnte man argumentieren, dass Luther anfangs den Jüdinnen und Juden zugeneigt gewesen sei. Ihre Traditionen begeisterten ihn, er interessierte sich für Hebräisch und schließlich war Jesus auch Jude, wie Luther 1523 zugab.
Er deutete Passagen im Alten Testament so um, dass Jesus von Nazareth der Messias sein musste.
Nebenbei: Jesus brachte keinen Frieden, „sondern das Schwert“ und ihm fehlt so ein Kernelement als möglicher Messias.

Lassen Sie mich deutlich sagen: Auch in der recht zugeneigten Phase akzeptierte Luther die Jüdinnen und Juden nie als gleichwertig. Er wollte sie bekehren. Spätestens 1543 mit „Von den Juden und ihren Lügen“ kam er zum Schluss, dass es ihm nicht gelang. Sein missionarischer Auftrag wurde zum Hass.
Juden erschienen Luther nun als ein Volk, das willentlich die Liebe Gottes verschmähe.

Konkret forderte er die Verbrennung der Synagogen, Zerstörung jüdischer Häuser, ein Lehrverbot für Rabbiner bei Androhung der Todesstrafe, Entzug der Reisefreiheit für Jüdinnen und Juden, die Wegnahme ihrer religiösen Bücher, ihre Zwangsenteignung und Zwangsarbeit. Am Ende, so Luther, „müssen sie aus unserem Land vertrieben werden“. Was der Reformator verlangte, wurde Jahrhunderte später „Arisierung“ genannt.

Werte Kolleginnen und Kollegen,
ich frage Sie ernsthaft, ob man Luther seine Hetze verzeihen kann.
Ja, er hat im 16. Jahrhunderte gelebt.
Ja, er hat gegen den Ablasshandel aufbegehrt.
Ja, er war gegen den Raub von Eigentum, wie es die römisch-katholische Kirche praktizierte.
Und ja, daraus folgte der 30jährige Krieg.
Dies alles bedacht: Verzeihen wir ihm? Nein, ich nicht.
Jesus würde sagen:
„Vater, vergib ihm nicht, denn er wusste, was er tat.“

Gern böte ich Ihnen auch eine theologische Auseinandersetzung mit Luther. Sie werden mir aber zustimmen, dass dies dafür nicht der richtige Ort ist.

Persönlich hege ich eine kritische Distanz zu Luther. Und konsequent kann ich nicht gegen die Petition stimmen, denn das Ansinnen ist für mich nachvollziehbar.

In diesem Sinne: Gegen jeden Antisemitismus! Auch gegen den von Martin Luther.

Danke.“

[Das gesprochene Wort gilt.]
[VI-P-04140-DS-02 Petition zur Umbenennung des südwestlichen Teils des Innenstadtrings von „Martin-Luther-Ring“ in „Martin-Sonneborn-Ring“]